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Samstag

Samstag, 10.7.10

6.30 Uhr aufstehen, frühstücken, Bus bepacken und losfahren - 6 Stunden 500 km nach Süden - in eine andere Welt nach Hermannsburg / KwaZulu Natal. Zunächst ist alles wie bisher. Die Skyline von Johannesburg begleitet uns noch eine ganz Weile, bis wir dann in die südafrikanische Steppe eintauchen. Im Winter ist alles vertrocknet, die Bäume kahl, die Erde rotbraun. Man kann sich gut vorstellen, wie sich diese Landschaft im Frühling in satten Grüntönen präsentiert. Auf Siedlungen trifft man nur noch alle 100 bis 150 km. Nach 5 Stunden verlassen wir die Autobahn und damit die uns bekannte Welt.

Kurz vor Hermannsburg will unser Busfahrer noch bei sich zu Hause vorbeifahren um sein Gepäck zu verstauen. Schotterpiste - wir biegen vollends nach Afrika ab. Im Dorf des Fahrers schilfgedeckte Rundhäuser, die zum Teil aus Lehm bestehen, mit nur einer offenen Feuerstelle. Der Rauch zieht zwischen Dach und Außenmauer ab. Doch auch das gibt es dort: Mitten in der ärmlichen Siedlung die beiden gut gesicherten Villen des Rechtsanwaltes und des Chiefs - europäischer Standard, entsprechende Limousinen vor der Haustür und überall lachende Kinder, die uns zuwinken.

Um 16.00 Uhr kommen wir in Hermannsburg an. Die ca. 150 Jahre alte Siedlung beherbergt Internat und Schulgebäude für Kinder von der Grundschule bis zur Oberstufe. Hier ist unser Partnerteam zu Hause. Natürlich wartet ein opulentes Abendessen auf uns. Die Küchen-Mama beteuert, dass sie heute Abend alle Daumen für Deutschland drückt. Es sei so schade, dass diese Mannschaft nicht mehr dabei ist.

Am Abend Gartenparty bei Familie Stenzel. Freunde sind eingeladen um von Südafrika zu erzählen. Wir kommen bei Lagerfeuer und Buffet schnell ins Gespräch über das Leben hier, über das Verhältnis von Schwarz und Weiß, über die Bedeutung der WM für das Land. Auch jetzt sind unsere Aufnahmegeräte dabei. Es wird wohl noch eine ganz Weile dauern, bis wir all die aufgenommenen O-Töne verarbeiten können. Es ist auch nicht leicht die verschiedenen Standpunkte vor dem eigenen europäischen Hintergrund adäquat zu verarbeiten. Südafrika ist ein Land voller Gegensätze. Die Umwälzungen der Jahre nach Ende der Apartheid sind deutlich spürbar. Die Menschen versuchen diese Vielfalt neu zu interpretieren und sich gegenseitig ernst zu nehmen. Das Fazit der Gäste "Jeder ist seines Glückes Schmied!" ist für uns nicht so einfach nachvollziehbar. Auf jeden Fall nimmt man ihnen ab, dass sie ihr Leben selber in die Hand nehmen und dass sie dieses Recht allen zugestehen wollen. Ob alle dazu in der Lage sind, ist wohl eine andere Frage.

Wir treffen dabei auch auf Cameron. Sie geht in Hermannsburg in die erste Klasse, liebt die Schule und ist begeistert, wie alle Kinder zusammenhalten.

Cameron lernt dort Deutsch! Die ersten deutschen Worte werden durch Lieder vermittelt. Natürlich muss das kleine Mädchen auch von der Farm, auf der sie lebt, erzählen - wenn schon mal die Gelegenheit besteht, in ein Mikrofon zu sprechen.

Die deutschstämmigen Südafrikaner pflegen ihre Wurzeln. Sie wollen sich ihre Traditionen erhalten.

Fußball stand bisher nicht im Mittelpunkt des sportlichen Interesses.

Viele fürchten, dass Aufträge und Beschäftigung im Rahmen der WM keinen wirklich dauerhaften Aufschwung für Südafrika bringt. Was wird aus den Leuten, die die Stadien gebaut haben? 

Lorein bleibt positiv. Sie lebt gerne hier als Teil der der bunten Rainbownation, die durch die WM näher zusammenrückt. Auch sie schwärmt von ihrem Land, das wirklich Vieles zu bieten hat.

Besonders genossen haben die Südafrikaner die Aktion: „Football Friday“. An den Freitagen bevor die WM begann, haben beinahe alle von den Kindern in den Schulen bis zu den Großeltern zu Hause oder auf der Straße Trikots der eigenen oder von anderen Nationalmannschaften getragen. Auf diese Weise hat sich eine ungeheuere Fußballeuphorie im Land entwickelt.

Die WM brachte für die Bewohner aller afrikanischen Länder ein neues Bewusstsein zu einem Kontinent zu gehören - Afrikaner zu sein.

Nach der Party gönnen wir uns im gemütlichen Wohnzimmer der Familie Stenzel das Spiel um den dritten Platz - immer mit Jacken - es ist schließlich Wiinter: 

19. Minute - Müller schießt das 1:0 - Deutschland ist drückend überlegen - endlich mal wieder!

21.35 Uhr - Halbzeit 1:1 - wir melden uns morgen wieder!

 

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